Die Schweizer Gesellschaft droht auseinanderzudriften: Diese Sorge beschäftigt Caritas Schweiz mit Blick auf die Armut. Das Hilfswerk sieht mehrere Gründe, weshalb sich die Situation für ärmere Menschen im neuen Jahr verschlechtern wird. Wir haben mit Aline Masé, Bereichsleiterin Grundlagen und Politik bei Caritas Schweiz, darüber Gesprochen.
Es gibt erst seit 2014 vergleichbare Zahlen. Seit dann ist die Armut zuerst leicht gestiegen und dann ungefähr auf dem gleichen Niveau stagniert. In den letzten Jahren waren stets um die 8% der Bevölkerung betroffen. Mit jenen, die knapp über dieser sehr strikten Armutsgrenze liegen, sind es etwa doppelt so viele Personen. Ich würde also sagen, die Armut ist seit vielen Jahren auf einem hohen Niveau stabil.
Es geht nicht nur um Armutsbetroffene, die wirklich quasi statistisch von Armut betroffen sind, sondern auch um jene, die in einer finanziell prekären Lage sind. Also Menschen, die knapp über der Armutsgrenze leben.
Der eine Grund ist, dass die Lebenshaltungskosten steigen. Diese belasten ärmere Haushalte natürlich besonders stark. Das Wohnen wird tendenziell noch teurer und es wird enorm schwierig für Haushalte, die sehr knapp bei Kasse sind. Zusätzlich sind die Krankenkassenprämien noch einmal gestiegen. Auf der anderen Seite müssen wir feststellen, dass die Löhne in den letzten zehn Jahren stagniert sind, vor allem im tiefen und mittleren Segment.
Wir haben also steigende Lebenshaltungskosten und stagnierende Löhne. Hinzu kommt eine ungenügende Existenzsicherung. Die Sozialhilfe schafft es nicht, die negativen Folgen von Armut zu reduzieren, vor allem bei Kindern. Familien werden ohnehin zu wenig unterstützt. Stattdessen werden reiche Haushalte mit Steuersenkungen entlastet, während ärmere eher belastet werden. Beispielsweise auch, indem man die Mehrwertsteuer immer wieder erhöht.
Als Beispiel: Eine Frau, die bei Caritas in der Beratung ist, hat ihr Arbeitspensum kürzlich von 70% auf 80% erhöht. Aber diese 10% mehr Lohn, werden vollständig aufgefressen – etwa von steigenden Krankenkassenprämien, steigenden Nebenkosten und steigenden Mieten.
So geht das eben vielen Menschen. Wenn einzelne Budgetposten wie zum Beispiel Wohnen oder Prämien steigen, dann muss man das irgendwie auf einem anderen Budgetposten einsparen. Was sehr, sehr herausfordernd ist, wenn man sowieso quasi jeden Monat schaut, dass man irgendwie nachher auf null kommt.
Damit meinen wir, dass die Armut seit es vergleichbare Zahlen gibt eben nicht gesunken ist. Man schafft es nicht, mit verschiedenen Massnahmen die Armut zu senken. Das ist aus unserer Sicht ein grosses Problem. Es kann nicht sein, dass wir einfach zufrieden sind damit, dass ungefähr 16% der Bevölkerung von Armut betroffen oder bedroht sind.
Ganz zentral ist, dass man eine Strategie hat, über alle Staatsebenen und wirklich auch verbindliche Ziele und Massnahmen festlegt. Hinsichtlich einzelner Politikfelder gibt es einige Punkte, wo es sich lohnen würde das Problem anzugehen. Es geht beispielsweise um Bildungschancen im Kindes-, aber auch im Erwachsenenalter. Es geht um die Unterstützung von Familien, zum Beispiel mit Familienergänzungsleistungen, es geht um die Gesundheitskosten, die gesenkt werden müssen. Da geht das aber eben auch darum, dass man anerkennt, dass der Staat genügend finanzielle Mittel braucht, um die Armut effektiv reduzieren zu können. Und diese finanziellen Mittel gibt es nur, wenn man die Steuern für Reiche entsprechend ansetzt.