Wie klingt Gaza? Dieser Frage geht Mohamed Yaghi nach. Der Film Gaza Sound Man begleitet den jungen Tontechniker und Audiodokumentaristen bei seiner Arbeit. Mit seinem Aufnahmegerät dokumentiert er seine Umgebung und hält fest, was ungehört oder unbemerkt bleibt.
Mit einem grossen Mikrofon, das Geräusche präzise erfassen kann, bewegt er sich durch die Strassen von Gaza. Er bewegt sich inmitten von Trümmern und zerstörten Betonlandschaften. Er nimmt die Begegnungen auf der Strasse auf, hört die verzweifelten Klagen von Angehörigen, die ihre Liebsten verloren haben und lauscht den Gesprächen in den Flüchtlingszelten vetriebener Palästinenser:innen.
Yaghi beschreibt sich selbst als Tontechniker und Audiodokumentarist. «Ich arbeite daran, Geräusche so aufzunehmen, wie sie sind – ohne sie zu verschönern», sagt er. Es gehe ihm um «die Geräusche des Ortes, der Menschen, die Angst, die Widerstandsfähigkeit und das Leben, das trotz allem weitergehen will».
Er lebte im Stadtteil Shuja’iyya im Norden Gazas. Sein Haus wurde im Zuge des Krieges bombardiert. Heute lebt er mit seiner Familie als Vertriebener in Deir al-Balah. «Die Anwesenheit meiner Familie ist das Einzige, das mich auf dem Boden hält», sagt er. «Wir haben nicht den Luxus von Privatsphäre oder Sicherheit, aber wir haben einander.» Trotz Waffenstillstandsvereinbarung bleibt die Lage in Gaza katastrophal. Die Wirtschaft liegt am Boden, das Gesundheitssystem ist am Limit. Viele Palästinenser:innen leben in Zelten und versuchen, den Winter zu überstehen. Auch die Internetverbindung ist weiterhin schwach. Deshalb antwortet er auf die Fragen in Sprachnachrichten.
Mit dem Aufnehmen von Geräuschen begann Mohamed Yaghi bereits 2012 – aus Neugier und aus Liebe zum Klang. Mit dem Krieg wurde das Aufzeichnen jedoch zur Notwendigkeit. «Ich hatte das Gefühl, dass Bilder allein nicht ausreichen», erklärt er. «Geräusche transportieren die nackte Wahrheit, ohne Bearbeitung, ohne Filter.»
Für Yaghi sind Geräusche Erinnerungen. «Ein Bild kann man vergessen, aber ein Geräusch vergisst man nur schwer», sagt er. Für ihn seien Klänge «Zeugnisse – und manchmal auch Geständnisse». Leid nehme dabei unterschiedliche Formen an: «Manchmal ist es keine Schreie, sondern eine lange Stille, ein stockender Atemzug oder das Geräusch einer Mutter, die versucht, stark zu sein.»
Vor dem Krieg sei sein Leben von einfachen Klängen geprägt gewesen: «Lachen, Arbeit, Strassen, das Meer.» Während des Völkermords hätten sich die Geräusche verändert: «Flugzeuge, Explosionen, Krankenwagen – und gleichzeitig die Geräusche von Menschen, die entschlossen sind zu leben.» Ein spielendes Kind, jemand, der singt oder lacht, trotz allem.
Was geschieht mit diesen akustischen Zeugnissen? «Ich speichere sie. Ich ordne sie. Ich verwende sie in Filmen, Kunstprojekten, und manchmal lasse ich sie so, wie sie sind – für die Geschichte», antwortet Yaghi. Diese Aufnahmen seien nicht für ihn selbst gedacht, sondern für die Menschen, deren Stimmen nicht gehört wurden. Trotz der schwierigen Umstände denkt Mohamed Yaghi nicht ans Aufhören. Er mache weiter, sagt er bestimmt und fährt fort: «Solange es eine Stimme gibt, gibt es eine Geschichte, die erzählt werden muss.»
Er wünscht sich, dass Menschen nicht nur zusehen, sondern zuhören. «Ich möchte, dass die Menschen Gaza als Menschen hören – nicht als Nachrichtenmeldung.» Denn hinter jeder Zahl stecke eine Stimme, hinter jeder Zerstörung ein Leben, so Yaghi.
Gaza schweige nicht, sagt er: «Gaza schreit, flüstert, singt – trotz allem – um sein Leben.»
Der Film Gaza Sound Man (2025) wird am 15. Januar 2026 im Rahmen des Norient Festival in Bern gezeigt.
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